Der Samengarten im Ballenberg - 12. Oktober 2008

Vor nun schon 6 Jahren initiierten Robert und ich im Freilichtmuseum Ballenberg einen Samengarten, und betreuen ihn nun regelmässig. Letzten Dienstag haben wir dort gearbeitet; ein richtiger Spätsommergarten (oder vielleicht doch schon Herbstgarten?): die Kürbisse riesig, üppig, reif und farbig, Krautstiele strotzend vor Wüchsigkeit, Lauch mit dicken, festen Schäften. Dazwischen die letzten Blüten von Cosmeen, Tithonien und Sommerastern. Die Stangenbohne Sorte Coco, die wir im Frühling erst ende Mai gestupft haben, im vollen Wuchs, gesundes dichtes Laub, 3 Meter hoch, vollbehangen mit den breiten zarten Hülsen. Besucher näherten sich. „Guarda quelli fagioli“ (sieh Dir diese Bohnen an), rief eine Frau, steuerte in den Garten, eine Hand zielgerichtet auf die Cocobohnen gerichtet, die andere gegen hinten, wie um ihren Mann nachzuziehen. Die Szene war filmreif, und ich dachte wieder einmal nach über die Frauen und ihre Gärten, sehnte mich danach, diese intensive, fast magische Beziehung so beschreiben zu können, dass jede Frau, die einen Garten hat oder von einem träumt, sich verstanden fühlt. Jedesmal, wenn ich im Samengarten arbeite, passieren Frauen-Garten-Geschichten. Da sind die Besucherinnen, die ihren Garten quasi mit sich tragen. Sie sind neugierig, wollen die Sortennamen wissen und gleich die Samen kaufen, denn mit etwas „Neuem“ ist man der Nachbarin einen Schritt voraus. Ein kleiner harmloser Triumph schwebt schon über den Gartenzaun. Und dann die Frauen, deren Mütter passionierte Gärtnerinnen waren. Sie betrachten lange den Garten, sprechen mich zaghaft an, deuten ihre Erinnerung erst ganz sachte an und erzählen dann von ihren Müttern, wieviel sie gearbeitet haben, unvorstellbar, dass eine Frau von heute das noch könnte. Aber das Bild der Mutter im Garten weckt schöne Erinnerungen und glücklich, wenn auch mit einer leisen Wehmut vebunden, verlassen sie den Garten. Auch kleine Mädchen kommen oft zu mir, fragen, was ich gerade mache oder wie die Blume heisst. „Willst Du auch Gärtnerin werden“, frag ich. „Vielleicht schon, bist Du eine?“ Allerdings, das kann man sagen.