Das Wertschätzen der Dinge - 14. Februar 2010

Sind die Samen soweit aufgearbeitet (getrocknet, gereinigt getestet) kommen die grossen Posten direkt in grosse Behälter und die kleinen in Stoffsäcke. Beschriftung darf nicht fehlen, wie sonst sollte man den richtigen Posten wieder finden? Eben heute Morgen hab ich das gemacht und dabei sind meine Gedanken wieder abgegangen.

Als Alleinzuständige im Samenlager gönne ich mir gewisse Freiheiten:

So schneid ich mir aus schön bedruckten Kartonverpackungen, die sonst im Altpapier landen, hübsche Etiketten zu. Kommt so ein Samenposten später in meine Hände, erinnere ich mich z.B. an die feinen Pralinés von voriger Weihnacht.

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„Unprofessionell“, ich hör es schon, wird es heissen. Ja klar, ich geb es zu.

Wäre ich Lagerverwalterin in einem Grossbetrieb, dürfte ich mir das nicht leisten. Allein schon das Zuschneiden der Etikette würde kostbare Minuten meines Salärs verschlingen, ganz zu schweigen von den ungenormten Formen ohne vorgedruckte Angaben. Wer soll da noch drauskommen?

„Ja eben“, argumentiere ich im Stillen vor mich hin: „Wir sind kein Grossbetrieb“ und dabei knöpf ich das Schnürlein der alten Etikette auf und befestige es an die neue. Warum soll ich es wegwerfen? Es hat genau die richtige Länge und tut seinen Dienst auch ein zweites Mal.

Das habe ich von meiner Grossmutter, Bertha Braun, gelernt. Das Wertschätzen der Dinge. Jedes Papiersäcklein wurde glattgestrichen, jedes Gümmeli und später sogar die Joghurtbecherli im Kasten aufbewahrt... man könnte es noch einmal brauchen.

Mit der Zeit wurde es uns Jungen zu viel und wir genossen es, dass die Kehrichtabfuhr nach der Eingemeindung unseres Dorfes nun auch vor unserem Haus hielt.

Die Wegwerfmentalität erfasste mich aber nicht wirklich, ich würde sagen, sie streifte mich kurz und heftig und danach fing ich an, den Wert der Dinge ab-zu-schätzen, etwas differenzierter als meine Grossmutter es getan hat, das schon, denk dabei aber oft und gerne an sie.

Ich könnte ja auch noch die graue Energie ins Feld führen, die sich in meinen Schnürlein und Kartonetiketten verbirgt, aber da ich keinem Chef Verantwortung für mein Tun schulde, überlass ich dieses lieblose Wort lieber den Oekotechnologen.