Sortenvielfalt auch im Jahr 2009! - 08. Januar 2009

Wir streiten für die freie Sortenvielfalt und die Wahrung traditioneller Freiheiten und Rechte bei Gemüsesorten Biodiversität am Beispiel Tomaten: Fleischtomaten, San Marzano, Cherry- und Minibirnentomaten, Gelbe und Rote. Es gibt nichts, dass es nicht gibt!

In der EU und in der Schweiz ist das Inverkehrbringen von Saatgut für die meisten Kulturpflanzengruppen nur erlaubt, wenn die Sorten in einem Sortenkatalog aufgeführt sind. Sobald für eine Pflanzenart ein Sortenkatalog besteht, ist dieser für alle Bauern und Gärtnerinnen verbindlich. Das Verbreiten von Samen ist dann nicht mehr frei, sondern stark reglementiert. Ob das Saatgut dabei verschenkt, getauscht oder verkauft wird, das spielt überhaupt keine Rolle, denn das Gesetz lautet so: „Inverkehrbringen: jede entgeltliche oder unentgeltliche Abgabe sowie die Einfuhr von Material“ (SCHWEIZERISCHE EIDGENOSSENSCHAFT 1998).

Wer also Samen erntet und diese über den Gartenzaun weiter gibt, bringt das Saatgut bereits in Verkehr und untersteht den gesetzlichen Bestimmungen.

Die Hälfte aller traditionellen und bewährten Gemüsesorten, die für die Schweizer Hausgärtnerinnen und Marktfahrer von Bedeutung sind, soll verboten oder deren Verbreitung massiv erschwert werden.

Eine Ausnahme zu den reglementierenden Sortenkatalogen gibt es, eine Kulturpflanzengruppe, von der das Sortenangebot nicht durch ein restriktives gesetzliches Korsett eingeengt ist. Eine Ausnahme ganz im Sinne von Asterix und Obelix. Dort sind es die unbeugsamen Gallier, die Widerstand leisten, da in der Schweiz sind es die Gemüse, für die kein Sortenkatalog besteht. Und da wie dort ist die Freiheit von einer Übermacht bedroht und muss ständig neu verteidigt werden.

Gesetze verstärken Sortenverlust und Saatgutmonopolisierung

Die lückenlose und strenge Reglementierung des Sortenangebotes hat fatale Auswirkungen auf die Biodiversität von Kulturpflanzen. Was nicht der Norm entspricht, ist verboten. Ein Verlust an Vielfalt und Sorten wird durch ein solches Vorgehen vorprogrammiert - und ist durch die Entwicklung des Sortenangebotes seit dem Bestehen von Sortenlisten und der Einschränkung der Weitergabe von Saatgut auch mehr als klar und deutlich belegt.

Vielfalt wird verboten

Die Einführung eines verbindlichen Sortenkataloges im Jahr 1934 in Deutschland wirkte verheerend auf die Breite der erhältlichen Sortenvielfalt und die verfügbare Kulturpflanzenbiodiversität. 72 % der Sorten verschwanden durch gesetzlichen Erlass.

Die Auswirkungen eines Sortenkataloges auf die Sortenvielfalt bei Gemüse in der Schweiz hätten ähnlich tiefgreifende Folgen. Nach unseren Schätzungen würde etwa die Hälfte aller traditionellen und bewährten Gemüsesorten und -akzessionen, die für die Schweizer Hausgärtnerinnen und Marktfahrer von Bedeutung sind, verboten oder deren Verbreitung massiv erschwert.

[caption id="attachment_61" align="alignnone" width="480" caption="Der Bio Gartenkorb - täglich frisch."]Der Bio Gartenkorb - täglich frisch.[/caption]

Umwälzung des Sortenangebotes zum Nachteil der Bauern

Die gesetzlichen Regelungen bevorzugen die F1-Hybridzucht und hemmen oder verbieten offenabblühende Sorten mit einer gewissen Variabilität. Das bedeutet eine massive Beeinflussung und Umwälzung des Sortenangebotes. Einer Monopolisierung und Vereinheitlichung des Marktes wird extrem Vorschub geleistet.

Bei den Hauptgemüsearten beträgt der Anteil an Hybridsorten in der EU denn auch zwischen 80 bis 90 % und mehr. Tendenz steigend.

Jede Wirtschaftsweise braucht ihre eigenen Sorten

Bei der Saatgutfrage geht es längst nicht mehr nur darum, ob diese oder jene Art, diese oder jene Sorte erhältlich und verfügbar ist. Bei der Saatgutfrage geht es vielmehr darum, ob die Grundvoraussetzungen noch vorhanden sind, um an bewährte, überlebenssichernde Konventionen anknüpfen und diese weiterführen zu können.

Fachlich oder mit der Argumentation „der schweizerischen Landwirtschaft Saat- und Pflanzgut mit einer hohen Qualität zur Verfügung zu stellen“ (BUNDESAMT FÜR LANDWIRTSCHAFT 2008) kann eine Änderung der heutigen Situation nicht begründet werden. Das Gemüsesaatgut in der Schweiz ist qualitativ hochstehend und das angebotene und erhältliche Sortenspektrum ist breit und vielfältig.

Der liberale Gemüsesektor wird als Bauernopfer verschachert

Das Bundesamt für Landwirtschaft will jedoch auch für Gemüse eine restriktive Sortenliste einführen (BLW 2008). Der liberale Gemüsesektor in der Schweiz wird als Bauernopfer durch den Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse verschachert. Ziel ist die gegenseitige Anerkennung der Sortenkataloge als gleichwertige Vorschriften zwischen der EU und der Schweiz.

Das Bundesamt für Landwirtschaft will für Gemüse eine restriktive Sortenliste einführen. Das liberale Sortenangebot bei Gemüse ist bedroht.

Welche potion magic, welchen Zaubertrank brauchen wir, um vorerst die liberale Haltung der Schweiz im Bereich Gemüsesorten zu bewahren und später sogar auf die EU auszudehnen?

Sollten es sich beim magischen Trank um eine Soupe potagère de légumes, eine Gemüsesuppe handeln, werden wir in den Gartenbeeten hoffentlich noch lange diverse kräftige und geschmackvolle Zutaten finden.

Säen wir also weiterhin viele Gemüsesamen, damit Sortenvielfalt keimt und Biodiversität gedeiht.